Traumjob Ambulante Pflege

Frau Könning, wie sind Sie zur Pflege gekommen?

In der 10. Klasse habe ich ein Praktikum in der Altenpflege gemacht und gemerkt, dass das mein Traumjob ist. Da ich immer schon studieren wollte, habe ich aber vorher noch mein Fachabitur im Gesundheitswesen gemacht. 2014 bin ich dann in die Ausbildung im ambulanten Dienst gestartet nach der ich direkt im Jahr darauf mein Studium im Gesundheits-und Pflegemanagement gemacht habe.

Hat Ihr Arbeitsalltag also mit der klassischen Tätigkeit im ambulanten Dienst gar nichts mehr zu tun?

Doch, ich fahre nach wie vor auch noch zu Kunden raus, um das was ich ja später planen muss auch in der Praxis noch zu erleben. Außerdem freuen die Kunden sich natürlich, wenn die Chefin persönlich kommt.

Sie sind also eine echte Pflege-Allrounderin, haben schon alles in der Altenpflege gesehen und sich dann letztlich für die ambulante Pflege entschieden. Wieso?

Ich mag das ambulante Arbeiten, als Gast im Haus des Kunden tritt man wirklich in das persönliche Umfeld des Kunden ein und hat ein engeres Verhältnis zu ihm und seinen Angehörigen. Wenn ich beim Kunden bin, arbeite ich in diesem Moment nur für ihn und bin voll für ihn da. Dieses Zeitkontingent hat man in der stationären Pflege nicht, da passiert oft vieles gleichzeitig.

Ein klarer Pluspunkt für die ambulante Pflege. Was ist der Pluspunkt bei der stationären?

Ganz klar: die Kollegen im Hintergrund, die einem schnell mal helfen können, wenn zum Beispiel ein Kunde gefallen ist oder schnell Hilfe braucht. Im ambulanten Dienst kann man zwar auch einen Kollegen rufen, der braucht dann aber erstmal und steckt im schlimmsten Fall dann noch im Verkehr fest.

„Altenpflege kann nur Po abwischen und keinen Verband machen.“ Wenn ich solche Sachen in meinem Freundeskreis höre, bin ich schnell mal auf 180. Schließlich haben wir diese Dinge genauso gelernt, wie man das in der Krankenpflege auch tut.

Apropos Verkehr: ist die Fahrt von einem Haus zum anderen für Sie Stress, ist man da immer gedanklich schon beim Kunden oder schaltet man da ab?

Ich schalte da komplett ab und höre Musik, weiß aber, dass das auch bei jedem anders ist. Bei uns fahren wir übrigens auch mit E-Bikes und E-Scootern, was in Münster ja bekanntlich ziemlich gut geht.

Die Termine sind eng getaktet, wie oft ist man da im Zwiespalt zwischen „doch noch fünf Minuten beim Kunden bleiben“ und dem Blick auf die Wirtschaftlichkeit?

Hier bin ich oft im Zwiespalt. Als Leitung muss ich natürlich den wirtschaftlichen Aspekt sehen. Aber irgendwo bin ich ja auch noch Mensch und habe den Kunden vor mir. Eine Tasse Kaffee kochen oder ein Brot schmieren sind da schon extra Leistungen. Selbst wenn man wollte, könnte man das nicht bei jedem einzelnen Kunden machen. Als Auszubildende habe ich da viel gemacht, was ich heutzutage in meiner Position als Leitung eher kritisch sehe. Ich würde aber sagen, jeder meiner Mitarbeiter kennt das Gefühl, wenn man eigentlich noch gerne etwas bleiben würde. Das geht natürlich nicht immer, aber die fest vorgesehene Zeit beim Kunden ist dann wirklich nur ihm vorbehalten und das ist auch gut so.

„Bei uns fahren wir übrigens auch mit E-Bikes und E-Scootern, was in Münster ja bekanntlich ziemlich gut geht.“

Hat man denn irgendwann auch Lieblingskunden zu denen man lieber fährt?

Unsere Mitarbeiter:innen haben alle eigene feste Touren mit eigenen Kunden. Da ergeben sich natürlich irgendwann ganz besondere Bindungen. Das ist schon sehr schön, ich selbst habe zum Beispiel auch Kunden, wo ich einfach mal anrufe und frage, wie es denen geht oder denen ich zum Geburtstag gratuliere.

Bei so persönlichen Bindungen kriegt man im Arbeitsalltag bestimmt oft tolles Feedback.

Auf jeden Fall! Viele finden es auch einfach toll, dass ich als Chefin noch immer zu den Kunden rausfahre und die Verbindung zu ihnen halte. Ich habe auch oft gehört, dass ich
bei der Arbeit strahle. Weil das aktuell mit Mundschutz ja schwer ist, achte ich dann immer darauf, möglichst knallige Farben wie rosa anzuziehen.

Ihre Aufgaben umfassen ja auch den Austausch mit Angehörigen für die die Pflege oftmals ein hochsensibles Thema ist. Gleichzeitig ist das für Sie aber ja Routine. Wie schaffen Sie es, dann trotzdem noch geduldig und einfühlsam zu sein?

Hier muss man sich ganz klar die Zeit nehmen. Ich denke mir dabei immer: Wie wäre ich in dieser Situation, wenn etwa meine Eltern pflegebedürftig wären. Da sollte man den wirtschaftlichen Faktor wirklich immer komplett beiseite lassen und auf alle Fragen der Angehörigen eingehen.

Gerade die Altenpflege sieht sich oft mit hartnäckigen, oft falschen Vorurteilen konfrontiert. Welche davon ärgern Sie besonders?

Mich stört, dass man immer noch oft hört, dass Altenpflege und Krankenpflege nicht gleichgestellt sind. So Sachen wie: „Altenpflege kann nur Po abwischen und keinen Verband machen.“ Wenn ich solche Sachen in meinem Freundeskreis höre, bin ich schnell mal auf 180. Schließlich haben wir diese Dinge genauso gelernt, wie man das in der Krankenpflege auch tut. Sowas kommt häufig vor und bringt mich dann echt auf die Palme.

Von Vorurteilen haben Sie sich aber nie abschrecken lassen. Was war denn das Schlüsselerlebnis, bei dem Sie gemerkt haben, dass die Pflege das Richtige für Sie ist?

Meine Großeltern wurden damals auch zu Hause bei uns gepflegt. Zu dieser Zeit kam immer die Caritas vorbei und dadurch hatte ich erste Berührungspunkte. Ich habe dann in der 10. Klasse ein Praktikum in der stationären Altenpflege gemacht. Und da war es so herzlich, die Menschen haben sich so gefreut einen jeden Tag zu sehen, die haben gelacht und man hat Späße zusammen gemacht. Ich kann mich an eine Oma erinnern, die werde ich nie vergessen, wir haben uns wirklich unheimlich gut verstanden. Die habe ich begleitet von einer Zeit als sie noch fit war und lief bis zu einem Alter, wo sie das schon lange nicht mehr konnte. Ich habe dann nach dem Praktikum sogar am Wochenende noch dort gearbeitet, meine Mitschüler haben gesagt „du bist bekloppt“, aber ich fand‘s einfach schön dort zu arbeiten.

Beeindruckend! Da ist man doch schon auch mal stolz auf seine Arbeit, oder?

Ich glaube schon, dass ich irgendwie für den Beruf lebe. Ich bin stolz darauf Altenpflegerin zu sein und das auch so in meinem Lebenslauf immer durchgezogen zu haben, so dass man auch sieht, dass ich für den Beruf lebe. Ich habe beruflich das durchgezogen, was ich immer wollte und konnte dabei alle Facetten der Altenpflege mitnehmen. Im Studium habe ich mich nicht vom BaföG finanzieren lassen, sondern habe weiter in der Kurzzeitpflege und einer Demenz-WG gearbeitet. Nur weil ich studiert habe, heißt das auch nicht, dass ich immer im Büro sitzen will. Ich mag es, dass ich immer noch zu Kunden und Angehörigen fahren kann. Das ist einfach meine Welt.

Sie kennen sich gut aus in der Altenpflege. Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern?

Ich finde es muss einen einheitlichen und flächendeckenden Tarifvertrag geben und glaube auch, dass das in Zukunft so kommen wird. Generell finde ich auch, dass die Tarifverträge auch angehoben werden müssen, damit mehr Menschen durch gute Bezahlung in die Pflege kommen. Aber auch das Image der Pflege muss verbessert werden. Das aktuelle Thema Pflegekammer ist aus meiner Sicht der absolut falsche Weg. Das sorgt einfach nur dafür, dass Pflege noch unattraktiver wird, weil man sich verpflichten muss. Freiwilligkeit wäre hier der richtige Weg gewesen. Ein drittes Thema ist der Personalschlüssel, mit dem vor allem die stationäre Pflege arbeitet. Oft sind das Schlüssel, die einen Mitarbeiter für zu viele Bewohner vorsehen. Das macht man vielleicht zehn Jahre mit, aber dann geht man raus aus der Pflege, weil das einfach nicht mehr zu stemmen ist. Und Auszubildende haben in dieser Kalkulation als Lückenbüßer nichts zu suchen. Unterstützen ja, aber sie müssen ihre Zeit bekommen um ihre Ausbildung vernünftig zu machen.

Würden Sie denn aktuell eine Ausbildung in der Pflege empfehlen?

Ja, gerade im ambulanten Dienst. Ich kann da ja auch aus meiner Ausbildung sprechen. Das Gute ist dabei, dass man immer jemanden dabei hat, der einem als Ansprechpartner dient und nie alleine gelassen wird. In der stationären Pflege ist das ganz anders. Das ist natürlich nicht für immer so: wenn man soweit ist, kriegt man dann bei uns eine eigene erste Route um dann eigenverantwortlich zu arbeiten.

Möchten Sie noch etwas loswerden?

Ich möchte einmal mit dem Gerücht aufräumen, dass ambulante Pflege immer nur in Teildiensten arbeitet. Das ist glaube ich für viele der Grund, nicht in die ambulante Pflege zu gehen. Also: Frühdienst, dann drei Stunden nach Hause und dann nochmal los zum Spätdienst. Das wird bei uns hier nicht so gemacht, sondern wir haben Frühdienste von 5:30 bis 12 Uhr und Spätdienste von 16 bis 22 Uhr – danach ist Feierabend. Als junges Unternehmen machen wir da einfach vieles anders, auch weil wir aus eigenen Erfahrungen gelernt haben. Aktuell sind wir auch wieder auf der Suche nach Unterstützung, egal ob Fachkraft oder Quereinsteiger.

Ich habe dann nach dem Praktikum sogar am Wochenende noch dort gearbeitet, meine Mitschüler haben gesagt „du bist bekloppt“, aber ich fand‘s einfach schön dort zu arbeiten.

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