Als Friseurin war ich oft der „Psychische Mülleimer“ – In der Pflege bin ich ein Teil im Leben der Menschen!

Nicole Schulz (42), Auszubildende als Pflegefachfrau /Annengarten Buldern

Schon in einer Videokonferenz der „Starken Pflege in Münster“ vor vielen Wochen war es beeindruckend, wie sie ihre berufliche Biografie vortrug. Dieser Eindruck verfestigte sich bei unserem Treffen im Annengarten, ihrer Arbeitsstelle. Nicole Schulz weiß genau, was sie will, und geht ihren Weg. Schon als Teenager machte sie positive Erfahrungen bei Praktika in der Altenpflege. Dennoch entscheidet sie sich zunächst für eine berufliche Zukunft als Friseurin. Sie beendet die Ausbildung erfolgreich, geht eine Beziehung ein und heiratet mit zwanzig Jahren. Zwei Töchter kommen zur Welt, die heute 15 und 19 Jahre alt sind. Die jüngere Tochter hat einen Gendefekt und es beginnt eine Odyssee durch Spezialkliniken im ganzen Land. Natürlich hinterlässt das Spuren, sensibilisiert und prägt diese Frau. Voller Dankbarkeit erlebt sie damals, wie ein Spezialist in Bayern es doch noch schafft, ihre Tochter vor einem Leben im Rollstuhl zu bewahren.

Den Töchtern ist in den vergangenen Jahren in vielen Gesprächen der Wunsch ihrer Mutter deutlich geworden, den erlernten Beruf aufzugeben und künftig in der Pflege zu arbeiten. Mit über 40 Jahren neu anzufangen und durch die vorgegebenen Schichtdienste würde das natürlich Einschränkungen für die Töchter bedeuten. Das ist allen klar. Die beiden spüren jedoch, wie sehr die Mutter sich nach einer Arbeit sehnt, bei der sie nicht mehr der „psychische Mülleimer“ sein muss (in unserem Gespräch wiederholt sie dies unbewusst mehrfach, ohne es zu merken), sondern wirklich gebraucht wird. Nicole beginnt als ungelernte Kraft bei einem ambulanten Pflegedienst, spürt aber schnell, dass ihr dort die Zeit fehlt, eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen wie in einer Familie. Durch einen glücklichen Zufall trifft sie auf ihren künftigen Chef im Annengarten, der ihr empfiehlt, dort eine Ausbildung zu machen. Sie sagt zu und erlebt nun, was sie sich gewünscht hatte: kleine Gruppen, den Menschen Zeit lassen, es darf auch mal länger dauern. Die Mitarbeitenden werden durch einen günstigen Personalschlüssel entlastet, außerdem werden viele moderne, die körperliche schwere Arbeit erleichternde Geräte angeschafft. Die Gemeinschaft wird gepflegt, viele Veranstaltungen wie ein spontanes Grillen unter dem Apfelbaum im Garten oder vielfältige Lesungen lockern den Alltag auf.

Nicole Schulz ist stolz: „Obwohl der Lockdown für alle schlimm war, hat er bei uns eben dazu geführt, dass wir hier noch mehr Zusammengehörigkeit erleben durften. Wenn ich am Morgen die Gruppe auf der Demenzstation wecke, dann geschieht das ganz behutsam. Ich setzte mich auf die Bettkante von Frau Gerhard und halte ihre Hand. Sie hat Angst aufzustehen und festzustellen, was sie alles vergessen hat. Ich mache etwas Gehirnjogging mit ihr. Dazu gehen wir ihre Fotoalben durch und sie beginnt diese zu kommentieren, gewinnt Sicherheit und kann jetzt angstfreier in ihren Tag starten. Für mich zeigt das Lob von Frau Semmelrogge, die zur Kurzzeitpflege bei uns war, dass wir vieles richtig machen: ,Es ist ja hier wie in einem guten Hotel mit Wellness.‘ Natürlich bin ich am Ende eines solchen Tages gut geschafft. Die Betonung liegt aber auf gut. Zuhause wartet als Lebenselixier ein starker Kaffee auf mich. Der Hund will mit mir nach draußen und ich komme runter. Am nächsten Tag mache ich mich wieder auf den Weg und freue mich schon darauf anzukommen, denn dort fühle ich mich ebenfalls familiär aufgehoben.“ Ich möchte noch wissen, was sie empfindet, wenn sie an ihre auf vielen Ebenen zugleich fordernde Ausbildung denkt. „Natürlich fällt mir das Lernen in meinem Alter nicht mehr so leicht, aber meine Töchter helfen mir dabei. Die Arbeit im palliativen Bereich und das Kennenlernen neuer Bereiche reizen mich sehr und die Vorfreude darauf ist größer als die Sorge um Überforderung. Hier bin ich eben nicht der psychische Mülleimer wie oft als Friseurin, sondern ein wichtiger Teil im Leben der Menschen.“

Text: Norbert Nientiedt
Fotos: Uwe Jesiorkowski

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