Bilder von pflegenden Menschen im brennenden Aleppo haben seinen Weg vorgezeichnet

Mostafa Othman (24), Auszubildender zum Pflegefachmann

In seiner Heimat Syrien genossen Soldaten allerhöchstes Ansehen. Menschen, die in der Pflege arbeiteten, wurden dagegen eher bemitleidet. Im brennenden Aleppo, wo die russische Luftwaffe ein wahres Inferno anrichtet, wurden Menschen, die unter Todesgefahr die Verwundeten pflegten, zu den wirklichen Helden. Heute hat Mostafa Othmann sich der Pflege mit großer Leidenschaft verschrieben. „Ich kann stundenlang zuhören, wenn traumatisierte Menschen anfangen in einer ,Endlosschleife‘ zu erzählen“, und berichtet mir von einem heute 95-jährigen Patienten auf seiner Pflegestation, einem Deserteur aus dem 2. Weltkrieg, den er bewundert und der für ihn zum Freund wurde.

Bevor Mostafa Othmann über ein europäisches Programm den Weg nach Nottuln fand, machte er auf seiner Flucht über die Türkei nach Griechenland schlimme Erfahrungen. Mit seiner Schwester musste er über fünf Monate unter einer für den Verkehr gesperrten Brücke leben. Und mit zwölf Stunden schwerster Arbeit verdiente er lediglich zwanzig Euro. Dank großer Energie und seinem unbändigen Willen schaffte er in Münster über das Bildungsinstitut „Sprache und Pflege“ den erweiterten Hauptschulabschluss und verbesserte seine Deutschkenntnisse in Rekordzeit. Heute habe ich ihn in das Marktcafé vor dem Dom eingeladen. Es ist unangenehm laut mitten in Münster; die Menschen versuchen mit ihren Stimmen die Glocken zu übertönen, und der Straßenverkehr tut sein Übriges. Dennoch empfinde ich es als äußerst angenehm, Mostafa Othmann zuzuhören. Ruhig und in bestem Deutsch spricht er davon, dass er die deutschen Klassiker, ja besonders Goethes Briefe mit größtem Vergnügen liest und sich an der altertümlichen Sprache erfreut. Er wandert und joggt häufig sehr weite Strecken, hat Freunde gefunden und spielt gerne Schach mit ihnen, aber auch mit Patient*innen. Es erstaunt mich sehr, was er von seiner Arbeit in der Psychiatrie im Alexianer-Campus berichtet. „Besonders mit schwer traumatisierten und depressiven Menschen arbeite ich gerne, da sie mich an Syrien erinnern“, sagt er überzeugend. Ich nicke und er ergänzt etwas verlegen: „Oft sagen mir diese Patient*innen auch, dass sie das Gefühl haben, ich könnte ihnen helfen, weil ich unendlich zuhöre und sie sich verstanden fühlen.“ Voller Bewunderung versichere ich ihm: „Sie können darauf stolz sein, und ich kann kaum glauben, dass Sie noch im ersten Jahr der Ausbildung zum Pflegefachmann sind.“ Mostafa Othmann wird leicht rot und berichtet von seinem Traum, später noch Pflegepädagogik zu studieren.

Jetzt möchte ich aber wirklich wissen, was ihn so selbstbewusst macht. Er zögert nicht lange und sagt: „Lesen ist der Schlüssel zu allem!“ Wieder nicke ich zustimmend und frage ihn: „Was lesen Sie denn zurzeit?“ „,Das Schneckenhaus‘ von Mustafa Khalifa. Ich kann mich in dem Roman ebenso wiederfinden wie in der Comedy von Kaya Yanar, denn der hat die wunderbare Gabe, kulturelle Unterschiede nicht als Ursache für Konflikte, sondern als Zugewinn und Bereicherung zu vermitteln.“ Ich kann nur darüber staunen, dass dieser bescheidene, gebildete und authentische junge Mann erst vor kurzer Zeit, ohne jeglichen Besitz und ohne Deutschkenntnisse, aus der Hölle des Krieges in das beschauliche Münsterland kam. Voller Anerkennung erzähle ich ihm von der Postkarte, die ich seit langem im Fenster meines Arbeitszimmers hängen habe. Sie zeigt nur einen Satz: „Lesen gefährdet Dummheit!“ Mostafa Othmann klatscht begeistert Beifall. Wir sprechen noch ein wenig über die zahlreichen Bücher, die er in kurzer Zeit in Deutschland gelesen hat, dann bitte ich die Kellnerin um die Rechnung. Ein letztes Mal heute verblüfft mich dieser Mensch, der so ein immenser Zugewinn für unsere Gesellschaft und natürlich auch insbesondere für die Pflege in Deutschland ist: „Herr Nientiedt, ich übernehme das“, erklärt er bestimmt. Ich spüre, Widerspruch könnte ihn kränken. In gegenseitiger Sympathie verlassen wir diesen schönen Ort.

Text: Norbert Nientiedt
Fotos: Uwe Jesiorkowski

 

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