„Ich bin wissbegierig und einfach neugierig auf das Leben. Frei nach meinem Lebensmotto: Das Leben ist ein Abenteuer und ich bin mittendrin!“

Heike Achenbach (57), Schulleitung in Doppelspitze an der Pflegeschule der Johanniter-Akademie NRW am Campus Münster.

Zum „Balkongespräch“ begrüße ich heute eine Frau, die ihre Vorfreude und Neugierde auf unsere Begegnung nicht verbergen kann. Ihre Augen und ihr ganzes Gesicht erzählen davon und mit dem – eben erst gepflückten – Blumenstrauß aus ihrem eigenen Garten unterstreicht sie diesen Eindruck noch in liebenswerter Weise. Behütet aufgewachsen im Siegerland, war für sie schon früh klar, dass die Pflege ihre Berufung ist. Der Vater riet immer zu einem „handfesten Beruf“. Ihre Mutter wollte sie nie in ihrer Berufsentscheidung beeinflussen, freute sich aber: „Heike, du machst das, was ich eigentlich immer wollte.“ Im April 1984 begann sie mit der Pflegeausbildung in Südwestfalen. Das vorherige einjährige Praktikum im Rahmen der Fachoberschule war ihr sehr wichtig, und nach Ausbildungsende war sie bereits mit 21 Jahren examinierte Krankenschwester.

Manche Krankenschwestern gehörten zu dieser Zeit noch kirchlichen Ordensgemeinschaften an. Heike Achenbach hat die damals gängige Bezeichnung „Schwester Heike“ nie negativ empfunden; eher verband sie damit so etwas wie einen „inneren Adel“ und die Verpflichtung, jeden Menschen respektvoll zu behandeln. Mängel und Fehler in Strukturen und Regeln entdeckte sie nicht nur sehr früh, sondern versuchte sich vehement für Verbesserungen und Innovationen einzusetzen. Auszubildende suchten oft ihren Rat und ihr pädagogisches Talent blieb nicht verborgen. Immer wieder hieß es: „Heike, kümmere dich doch bitte um die Schüleranleitung.“ So war es keine Überraschung, als man ihr schon 1992 eine Schulassistenzstelle an der Pflegeschule ihres Heimathauses anbot. Heike Achenbach unterrichtete von da an, plante die Einsätze in der Praxis, begleitete die Schüler*innen durch die Ausbildung und führte Prüfungen durch. Es war damals noch möglich, diese Tätigkeiten auch ohne pädagogische Ausbildung auszuüben. Heike Achenbach entschloss sich jedoch, unbezahlten Urlaub für eine Weiterbildung zu nehmen. Sie studierte mit großem Elan. Ihr Ziel war es, möglichst bald den Abschluss als staatlich anerkannte Lehrerin für Pflegeberufe zu erhalten, und sie genoss die Zeit an der Akademie der Diakonie in Bad Kreuznach.

Nach einiger Zeit als Lehrkraft an einer Krankenpflegeschule führte sie ihre berufliche Neugierde ins schöne Mittelrheintal nach Boppard, wo sie mit viel Engagement als Assistenz der Pflegedirektion im Qualitätsmanagement tätig war. Ihre Arbeit empfand sie als spannend und herausfordernd und wurde dort kurze Zeit später als Pflegedienstleiterin für die stationäre Langzeitpflege und die solitäre Kurzzeitpflege tätig. Hier betrat sie für sich Neuland und war offen für Innovationen. Das war ganz nach ihrem Geschmack. In ihrer Zeit in Boppard wagte Heike Achenbach erneut einen für sie großen Schritt und studierte berufsbegleitend an der Fachhochschule in Osnabrück Pflege- und Gesundheitsmanagement. Das Studium schloss sie mit der Bezeichnung Diplom-Kauffrau (FH) ab.

Ich bin von diesem Marathon mehr als beeindruckt und will wissen, welche Kraft oder Quelle es dafür gibt. Hierauf erklärt Heike Achenbach mit viel Leidenschaft in der Stimme: „Ich möchte immer meinen Horizont erweitern, suche die Herausforderung und forsche nach neuen Antworten und Strukturen für die Pflege.“ Sie holt etwas Luft und räumt ein: „Das ging manchmal an die Substanz, aber es war trotzdem lohnend.“ Ich nicke zustimmend und sie verändert ihre Tonlage, setzt sich aufrecht hin und bekennt: „Ich bin wissbegierig und einfach neugierig auf das Leben. Frei nach meinem Lebensmotto: Das Leben ist ein Abenteuer und ich bin mittendrin!“

„Haben Sie auf diesem Weg Erfahrungen gemacht, die für die Pflegeausbildung prägend sind?“ Sie zögert nicht lange und sagt: „In der palliativen Pflege habe ich die klare Erkenntnis gewonnen, dass es in der Pflege und besonders in der palliativen Pflege auf die Haltung ankommt. Der betroffene Mensch soll selbstbestimmt betreut werden und die üblichen Regelungen dürfen sich ruhig situativ hintenanstellen; auf Beziehungen und deren Stärkung kommt es manchmal mehr an als auf die faktische medizinisch-pflegerische Versorgung.“ Das Stichwort „Stärkung“ hat jetzt bei ihr sichtbar etwas ausgelöst. „Pflege kann mit ihrem Wissen und Können sehr wohl sehr selbstbewusst auftreten und mit allen Beteiligten auf Augenhöhe arbeiten. Die Basis dafür wird in der Ausbildung geschaffen. Wir haben allen Grund, selbstbewusst zu sein und auch so zu handeln! Und dies hoffentlich unbeeindruckt von den zum Teil nicht so ganz optimalen Strukturen, welche die Politik und andere Einflüsse geschaffen haben.“

Von ihrer Willensstärke beeindruckt, erkundige ich mich: „Jede Kraft, jede Batterie muss doch mal wieder aufgeladen werden. Wie machen Sie das eigentlich?“ Ihre Augen beginnen zu strahlen: „Mein Kater ist total bereichernd für mich, er ist einfach da und gehört seit über zehn Jahren zu mir. Wenn es ihm gut geht, geht es mir ebenfalls gut.“ Ich habe eine Katzenallergie und kann das nur theoretisch nachvollziehen. Aber sofort ergänzt sie ihre Aussage: „Auch dass mein Partner an mich glaubt, gibt mir den Rückhalt, den ich brauche. Ach ja, und natürlich mein Hund Anton, der einfach nur ungestüm und lustig ist.“ Auf meine Frage nach einem Hobby, welches ihr zusätzliche Energie verleiht, antwortet sie mit überschwänglicher Begeisterung: „Nach einem Schnupperwochenende bin ich vor einiger Zeit zur Fallschirmspringerin geworden. Inzwischen bilde ich hier ebenfalls Menschen aus. Es ist ungeheuer spannend und erweitert nicht nur symbolisch meinen Horizont. Kennen Sie das Lied von Reinhard May, ,Über den Wolken‘? Dinge, die uns sonst so wichtig vorkommen, werden beim Fallschirmspringen mit einem Mal ganz neu bewertet.“ Als sie jetzt noch erzählt, dass man mit den Fallschirmsprungschüler*innen im freien Fall aus 4.000 Metern Unterricht abhalten kann, wird mir endgültig klar, dass es wirklich ihre Bestimmung ist, die sie mit solcher Leidenschaft ausübt: Menschen auszubilden, sie zu selbstbewussten und starken Typen zu machen – nicht nur in der Pflege.

Meine letzte Frage liegt jetzt einfach in der Luft: „Gibt es für Sie denn gar keine Grenzen, Frau Achenbach?“ Sie schaut auf den kleinen Blumenstrauß aus ihrem Garten, wird nachdenklich und sagt etwas leise: „Doch, wenn ich einen Strauß binde, möchte ich gerne alle Blumen auf der Wiese einbinden, aber wie Sie sehen, das geht nicht.“

Text: Norbert Nientiedt
Fotos: Uwe Jesiorkowski

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