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Sabina Krappmann-Klute, Krankenschwester

Ich stehe vor dem Haus und sehe bunt bemalte Holzluftballons mit den Namen von Kindern an der Tür und einen Knochen für den Hund. Nach der freundlichen Begrüßung reicht mir beim Gang durch die Wohnung und in den Garten ein kurzer Blick. Bilder und Erinnerungsstücke, gerahmte Fotos, eine kaum zählbare Spiegelflut (mehr als 300) und vor allem viele Bücher (allein alle Titel aus der Insel-Bücherei) zieren die Wände dieser Wohnung. All dies erzählt von prallem Leben, von Kindern und Tieren, aber vor allem von einer überbordenden Gastfreundschaft.

Umso gespannter bin ich auf meine Gesprächspartnerin, die lange Pflegefachfrau bzw. Krankenschwester war und nun als stellvertretende Pflegedienstleiterin arbeitet. Ihre Eltern glaubten früh, dass sie das Zeug zur Ärztin hat. Sie aber war sich von Anfang an sicher, dass sie Krankenschwester werden wollte und hat diesen Beruf 40 Jahre lang ausgeübt. Sie legt Wert auf diese Berufsbezeichnung, die sie für sich der „Pflegefachfrau“ vorzieht. „Die Krankenschwester ist nicht nur für die Kompressionsstrümpfe da, sie will nicht nur den Fuß pflegen“, erklärt Sabina Krappmann-Klute im Brustton der Überzeugung und führt anschaulich und überzeugend aus, dass es ihr immer um den ganzen Menschen ging und geht. Um den Menschen, der sprichwörtlich in seiner Not nackt werden kann. Sie veranschaulicht das an zahlreichen Beispielen aus ihrer Zeit in der Psychiatrie. Distanz zu Patienten*innen ist ebenso gefordert wie menschliche Nähe – beides muss sorgfältig austariert werden. Für Sabina Krappmann-Klute gilt dies ebenso in der ambulanten Pflege. Ich gebe zu bedenken, dass der Pflegeplan nur kurze und festgeschriebene Zeiten vorsieht. Damit habe ich offenbar in ein Wespennest gestochen. „Meine Arbeitgeber haben mich noch nie auf zu viel gebrauchte Zeit angesprochen. Da habe ich vielleicht Glück gehabt, oder sie haben es auch so gesehen,“ sagt sie mit einer gehörigen Portion Überzeugung und ergänzt: „In den knappen sieben Minuten, die laut Plan für die Basispflege vorgesehen sind, kann ich so viel sehen, wahrnehmen und fragen, dass ich befähigt bin, gezielte Vorschläge zur Verbesserung einer Pflegesituation zu machen.“

Immer mehr spüre ich, diese Frau agiert in schwierigen Situationen kompetent und vertraut auf ihre Ausbildung und Erfahrung. Als ob Sabina Krappmann-Klute meine Gedanken gelesen hätte, ergänzt sie vehement: „Das genaue Hinsehen und Wahrnehmen, das Hinterfragen und Nachfragen, das gezielte Forschen nach Ursachen ist unverzichtbar.“ Ich nicke und sie erläutert ihre Aussage mit einem Zitat von Frau Cicely Saunders: „Jedes Symptom kann physische, psychische, soziale oder auch spirituelle Ursachen haben.“ Sie veranschaulicht das so: „Wenn ein Patient etwa sagt: ,Das schnürt mir die Luft zu‘, oder: ,Das ist zum Kotzen‘, dann forsche ich nach, was diese Bilder über den kranken Menschen offenbaren können!“ In der Praxisbegleitung ihrer Schüler*innen war es ihr immer wichtig zu zeigen, wie sehr Erfolg oder Misserfolg genau davon abhängen. Mir wird deutlich, dass Sabina Krappmann-Klute alle anderen immer ganzheitlich betrachtet, nicht nur kranke Menschen. Sie arbeitet außerdem für die Stadt Münster in der Notfallseelsorge. Von der Feuerwehr oder Polizei wird sie zu plötzlichen Todesfällen, bei Suizid, Verkehrsunfällen oder anderen schweren Unglücken sowie zum Überbringen von Todesnachrichten hinzugebeten. Ihre ganzheitliche Betrachtungsweise ist gewiss eine große Hilfe für diese bewundernswerte Arbeit. Mit ihrem Mann zusammen gibt sie „Letzte-Hilfe-Kurse“. Die Krankenschwester mit palliativen Fortbildungen und der evangelische Pfarrer ergänzen sich dabei perfekt.

Ich möchte wissen, ob sie es nach so vielen Berufsjahren in der ambulanten Pflege als stellvertretende Pflegedienstleiterin jetzt anders, vielleicht ruhiger angehen lassen kann. Sie zwinkert mir zu: „Ich muss jetzt zunehmend mehr kaufmännische Gesichtspunkte berücksichtigen, und dann schaue ich, was zu machen ist. Ich arbeite bei der Diakonie, das heißt übersetzt: Dienst für hilfsbedürftige Menschen!“ Sabina Krappmann-Klute bleibt sich und ihrer Denk- und Lebensweise treu, egal welche Arbeitsplatzbeschreibung gerade aktuell ist.

So möchte ich zum Abschluss unseres sehr angenehmen Gesprächs nur noch wissen: „Gibt es eine besondere Kraftquelle, aus der Sie schöpfen?“ „Natürlich ist das zunächst mein Glaube,“ antwortet sie und ihre Augen beginnen zu leuchten, als sie mir verrät, dass sie Klarinette spielt und gerade ein ungewöhnliches Musikinstrument (Handpan, ein mit den Händen gespieltes Klanginstrument aus Blech) lerne. Ihre Stimme nimmt einen schwärmerischen Ton an: „Ich habe da einen sehr beeindruckenden Lehrer, er heißt Georg…“, weiter kommt sie nicht, denn ich falle ihr ins Wort: „Das ist bestimmt mein Freund Georg Wierichs, der auf meiner Lesung im Franz Hitze Haus gespielt hat und den ich seit über 40 Jahren kenne!“ Sabina Krappmann-Klute nickt und ist offenbar ebenso erstaunt wie ich, was diese letzten 50 Minuten so alles offenbart haben. Auf dem Heimweg denke ich an andere Pfleger*innen, die auch Instrumente spielen und eine kleine Vision begleitet mich: Wie schön wäre es, wenn sich ein kleines „Pflegeorchester“ bilden könnte?

Text: Norbert Nientiedt
Fotos: Uwe Jesiorkowski

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