Menschen können länger leben, wenn man anders mit ihnen umgeht!

Mari Suppert (20), Pflegehilfskraft

Sogar Bewohner*innen, die Mari Suppert nicht aus der Betreuung bzw. eigenen Pflege kennen, rufen laut im Speisesaal des Pflegeheims: „Da kommt unser Goldkind!“ Heute sitze ich am gelben Tischchen vor der Penatenvilla mit Mari Suppert. Die 20-Jährige erscheint mir mit ihrer natürlichen Fröhlichkeit, dem offenen Blick und ihren strahlenden Augen auf den ersten Blick tatsächlich wie ein „Goldkind“. Dass man ihr erst gestern erst Schlüssel, Handy und mehr auf der Münsteraner Promenade gestohlen hat und all den Ärger im Anschluss lässt sie sich nicht anmerken. Ich möchte ergründen, was diese junge Frau stark gemacht hat. Ihre Eltern haben sicher ein gutes Fundament dafür gelegt. Die Mutter arbeitet beim Hilfstelefon „Gewalt gegen Frauen“, der Vater leitet eine Station in der Neurologie. Mit 18 Jahren entdeckte Mari Suppert im Freiwilligen Sozialen Jahr ihre Freude daran, alten Menschen wieder mehr Teilnahme am Alltag zu ermöglichen. Nach einem halben Jahr in der Betreuung arbeitet sie jetzt seit acht Monaten in der Pflege des Alloheims.

Auf meine Frage, was sie bewogen hat, in die Pflege zu gehen, muss sie nicht lange nachdenken. Das Hörspiel „Fröhliche Demenz“ aus der ARD-Mediathek habe sie nachhaltig inspiriert. Ihr Fazit daraus: „Menschen können länger leben, wenn man anders mit ihnen umgeht!“ In der nächsten halben Stunde veranschaulicht sie mir mit vielen Beispielen, wie sie versucht dies umzusetzen. Einmal weinte sie Freudentränen, als es ihr gelang, einer dementen und nach einem Schlaganfall verstummten Frau wieder Worte zu entlocken, ja sie sogar zum Lachen zu bringen. Mari Suppert hatte ihr viel Zeit geschenkt, mit ihr gesprochen, gesungen und selbst mit ihr getanzt, bis endlich Reaktionen kamen. Auch nach dem neusten epileptischen Anfall huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, wenn sie Maris Namen hört. Mari Suppert bezeichnet sich als nicht religiös, achtet den Glauben der Bewohner*innen jedoch sehr. Bei der tiefgläubigen Frau R., die jetzt 103 Jahre alt ist und mit 101 Corona besiegte, führte ihr besonderes Engagement dazu, dass die Angehörigen großes Vertrauen fassten. Sie geht mit den Bewohner*innen häufig in den Garten, bereitet ihnen das Essen so zu, wie sie es möchten, hört oft einfach nur zu, hält die Hand und nimmt ihre individuellen Wünsche wirklich ernst. Letztlich nimmt Mari Suppert sich einfach mehr Zeit für sie. Natürlich setzt der Pflegealltag ihr Grenzen, aber den Spielraum will sie unbedingt ausschöpfen.

„Was macht dir selbst denn besonders Freude an der Arbeit?“, frage ich sie. Ihre überzeugende Antwort: „Wenn ich es schaffe, bei der Körperpflege die Haare und das Gesicht so aufzuhübschen, dass der*die Bewohner*in mit Stolz in den Spiegel schauen und neues Selbstbewusstsein gewinnen kann.“ Ich bin berührt und mit Gedanken an die Arbeit ihrer Mutter wage ich es, die sensible Frage nach sexuellen Übergriffen zu stellen. „Ja, auch das gibt es“, sagt sie sofort und bringt das Beispiel eines Mannes, der körperliche Defizite vortäuschte, um Kolleginnen in sein Zimmer zu locken und sich plötzlich vor ihnen zu entblößen. Er ist nicht einmal davor zurückgeschreckt, körperliche Gewalt anzuwenden. „Wie schützt du dich?“ „Schon früh habe ich etwas für meine Fitness getan, habe neun Jahre im Verein Fußball gespielt und beim Judo gelernt, mich zu verteidigen. Es gibt in der Pflege leider hin und wieder Menschen, die versuchen im Pflegealltag ihre körperliche Nähe zum Personal ausnutzen. Da ist es wichtig früh und deutlich Signale zu senden, dass man sich wehren kann.“ „Leidet nicht auch der Spaß am Beruf darunter?“ Sofort und energisch widerspricht Mari Suppert: „Nein. Die Dankbarkeit von Bewohner*innen ist eine differenzierte Währung. Worte, Gesten, Gesichtsausdrücke, ein sanftes Lächeln, das Drücken meiner Hand, die neuentdeckte Freude, am Leben wieder teilnehmen zu wollen und viele mehr.“ Sie zögert ein wenig und ich ermuntere sie, mir eine davon zu beschreiben. „Das war der Tod von Frau L. Die gläubige Frau sprach häufig darüber, schuldig zu sein. Ihr gesamter Sterbeprozess war davon geprägt, sie machte es sich selbst schwer die letzte Schwelle zu übertreten. Immer wieder sprach sie – leiser und leiser – von ihrer Schuld. Ich setzte mich so oft ich es eben konnte an ihr Bett, erinnerte sie an ihren Glauben und versicherte ihr: ,Du hast keine Schuld, du bist doch ein Kind Gottes. Er wartet auf dich.‘ Ich habe leise mit ihr gesungen und immer wieder versichert, dass sie erwartet wird, keine Schuldgefühle mehr haben muss und gehen darf. Als sie schließlich friedlich verstorben ist, habe ich ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit empfunden, dass all das Unangenehme in diesem Beruf hundertfach aufwiegt.“ Von diesem Statement mehr als beeindruckt sage ich dem „Goldkind“ am Ende unserer Begegnung nur ganz schlicht: „Dankeschön!“

Text: Norbert Nientiedt
Fotos: Uwe Jesiorkowski

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